Kaum etwas im Leben strapaziert die eigenen Nerven so sehr wie Kritik. Unter der Last kritischer Bemerkungen ist schon so mancher Mensch zusammengebrochen. Ob berechtigt oder nicht, ein paar Gedanken zum Thema Kritik sollen helfen, den Umgang mit ihr erträglicher zu gestalten.

Kritik ist alles und nichts

Kritik ist so richtig wie verkehrt. An dem Wort reibt man sich grundsätzlich, denn man verteilt sie lieber, als daß man sie einsteckt.

Der Gegensatz von Lob

Mittlerweile gilt Kritik als Gegensatz zum Lob. Häufig ätzend vorgetragen und unsäglich im Tone, meinen Kritiker es doch einfach nur gut mit dem Objekt der Kritik. Kritik berührt Eitelkeiten – auf beiden Seiten, also den Kritiker als auch den Kritisierten.

Kritik hat nichts mit Wahrheit zu tun

Viele scheinen Kritik mit Wahrheit zu verwechseln. Aus meiner Sicht ist Kritik lediglich ein anderes Wort für die Begriffe Meinung und Frage. Kritisieren meint aus meiner Sicht nichts anderes als anderer Meinung zu sein, denn niemand hat für sich die Wahrheit gepachtet. Weiter steckt in Kritik auch stets eine Frage verborgen, die den Kritiker kitzelt, und welche man herausfinden sollte, um angemessen auf Kritik reagieren zu können.

Kritik ist stets subjektiv

Niemand hat die Wahrheit oder Weisheit gepachtet. Es gibt nur unterschiedliche Ansichten zu einem Gegenstand. Jede Person hat von ihrem Standpunkt aus recht (man nennt das auch immanente Argumentation).

Kritik ist unausweichlich

Wenn die Menschen sich erlauben Gott zu kritisieren, darf man aus dem Umkehrschluß folgern, daß man noch mehr Grund hat, an anderen Menschen bzw. deren Verhalten etwas auszusetzen. Niemand kann sich Kritik entziehen, denn alles ist relativ.

Kritik niemals verallgemeinern

Man denke an das berühmte Haar in der Suppe. Betrachtet man die Metapher einmal dem Gewichte nach und entfällt auf einen Teller Suppe zu 200 Gramm etwa 2,5 Gramm Haar, so bleibt nach Entfernung des Haars im Verhältnis noch extrem viel Suppe übrig.

Auf was richtet man nun selbst die Aufmerksamkeit: die 2,5 Gramm oder die 197,5 Gramm? Die Entscheidung obliegt jedem selbst.

Eitelkeit ausklammern

Grundverkehrt ist es, Emotionen in Kritik zu verpacken. Töricht jedoch ist es, sich geharnischt zu fühlen, da man als Kritisierter nur auf die Emotionen der Kritik reagiert.

Ich kenne so viele Menschen, die, bewußt oder unbewußt, Kritik mit „Das ist Schwachsinn!“ einleiten. (Man kann sich gut vorstellen, wie diese Personen umgekehrt auf solche Einleitungen reagierten! ;) )

Das ist schlechter Stil. Noch schlechterer Stil ist es, den Inhalt mit der Verpackung zu verwechseln. Man klammere unbedingt alles an Worten und Sinne aus, was irgendwie Emotionen enthält. Notfalls sollte man die Sätze umschreiben und aus „Das ist Schwachsinn!“ ein „Ich bin anderer Ansicht.“ machen – und auch so verstehen.

Sachlich bleiben

Menschen kommunizieren auf wenigstens 2 Ebenen. Zum einen auf der emotionalen und zum anderen auf der sachlichen. Emotionen sind stets subjektiv. Emotionen kann man schwerlich rechtfertigen, da es innere Vorgänge sind. Allenfalls daran anknüpfende Handlungen kann man kritisieren.

Drum sollte man stets den sachlichen Gehalt herausfiltern und nur diesen zum Gegenstand weiterer Unterhaltung machen.

Höflichkeit ist Trumpf

Nicht der Kritiker bestimmt die Spielregeln, sondern der auf die Kritik Antwortende. Die Antwort ist verblüffend einfach. Die Art der Verteidigung entscheidet darüber, ob man als sympathisch wahrgenommen wird, oder nicht.

Wer auf stark emotional verfärbte Vorwürfe, ja Beleidigungen seinerseits mit Beleidigungen reagiert, der hat es einfach nicht anders verdient. Gleich und gleich gesellt sich gerne.

Wer hingegen höflich und sachlich bleibt, läßt seinem Kritiker keine andere Wahl, als vom hohen Roß herunterzukommen, oder als Arschloch wahrgenommen zu werden. Wem auf Höflichkeit Beleidigung entgegenschlägt, kann nicht mit Akzeptanz rechnen. Punktgewinn für die Höflichkeit und Punktgewinn für den Kritisierten.

Niemals mit Vorwürfen antworten. Niemals, niemals, niemals!

Früher baute man Deiche Festungswänden gleich. Felsen in der Brandung ähnelnd, sollten sie der Kraft des Meeres trotzen. Das Ende vom Lied war, daß das Meer stärker war und die Deiche mit schöner Regelmäßigkeit brachen.

Der neue Ansatz sieht anders aus. Neue Deiche werden derart konstruiert, daß sich Wellen totlaufen sollen. Ihre gewaltige Energie soll ins leere laufen, anstatt gegen einen Felsen zu schlagen.

Ein Vorwurf ist wie ein Feld in der Brandung. Kaum ist die Welle abgeprallt, holt man schon zum Gegenschlag aus, weil die Eitelkeit betroffen worden ist mit der Kritik. Vor solchen Reflexen sollte man sich hüten. Wer sachlich bleibt, niemand jeder Kritik die Energie.

Fragen stellen, Fragen stellen, Fragen stellen

Kritik landet so häufig im falschen Hals, daß man ein Mittel findet muß, es in den richtigen zu bekommen. Eine banale, simple, verblüffend einfache Technik ermöglicht dies. Sie heißt Frage-Technik.

Indem man zurückfragt, reagiert man höflich, steckt man das argumentative Feld ab und bleibt zumeist sachlich. Und was will man mehr?

Jede Aussage läßt sich in eine Frage wandeln. „Ich finde Deinen Blog scheiße!“ meint unter Ausklammerung der Emotionen: „Mir gefällt Dein Blog nicht.“. Subjektiv, wie die Aussage nun einmal ist, kann man ihn in eine Frage umwandeln: „Dir gefällt also mein Blog nicht. Was genau gefällt Dir daran nicht?“

Für jemanden, der etwas „scheiße“ findet, ist solch eine Rückfrage peinlich. Und je häufiger man mangels Sachgehalt zurückfragen muß, desto peinlicher wird es für den sogenannten Kritiker, während man selbst höflich und interessiert ist.

Weitere gute, weil zuführende Fragen lauten etwa: „Habe ich Dich richtig verstanden? Du meinst, daß ich …“ oder „Worauf stützt sich Dein Urteil? Kannst Du das näher erläutern?“

Übung macht den Meister

Der Umgang mit Kritik will gelernt sein. Und nur Übung macht den Meister. Richtig eingesetzt kann es auch Spaß machen, selbst mit unsachlich-emotionaler Kritik umzugehen.

Schlußfolgerung

Kritik bietet eine Chance für den Kritisierten. 90% der Kritik ist hilfreich. Nur ein verschindend geringer Anteil der Kritiker fällt in die Kategorie Arschloch. Gleichwohl zahlt es sich aus, jedem Kritiker gegenüber durch Höflichkeit die Oberhand zu behalten.

Letztlich sind wir alles Menschen. Jeder kritisiert hier und da, jeder fängt sich Kritik hier und da ein. Jeder schlägt einmal über die Stränge mit seiner Kritik, obwohl man es nur gut gemeint hatte. Will man dann seinerseits von jemandem brachial abgebügelt werden, weil man mal rasch was in die Tasten gehauen hat, was man nach dem Abschicken schon wieder bereut, oder freut man sich nicht eher, wenn man eine höfliche Antwort erhält, die einen das Gesicht wahren läßt?

Meine Frage: Wie geht ihr mit Kritik um? Habt ihr Tips parat, das Gift der Kritik, die Emotionen, ausblenden zu können?

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